'Pony Show' steigt auf Platz 1 ein: Juli Zeh führt die Spiegel-Bestsellerliste an, Dörte Hansens 'Broder' bleibt Zweiter
Eine Woche nach dem Erscheinen steht Pony Show ganz oben: In der Spiegel-Bestsellerliste Belletristik Hardcover vom 22. Oktober 2026, der ersten Liste, in der das Buch berücksichtigt werden konnte, steigt der Justizthriller von Juli Zeh als Neueinsteiger direkt auf Platz 1 ein. Der Roman war am 14. Oktober bei Luchterhand erschienen (512 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-630-87865-2) und erzählt aus Sicht des Verteidigers Mark Steinert vom Prozess gegen die Hamburger Verlagschefin Betty Hell, die nach dem Verschwinden ihres jüngeren Mitarbeiters an der ungarischen Grenze festgenommen wird.
Hinter Zeh bleibt Dörte Hansen mit Broder in der sechsten Listenwoche auf Platz 2, wo das Buch nach zwei Wochen an der Spitze seit dem 8. Oktober steht. Shida Bazyars Buchpreisroman Die Lücken rutscht von 1 auf 3, Charlotte Link (Kalte Tage) steht auf 4, Rebecca Yarros (Threshing Day) auf 5. Nele Neuhaus hält mit Alles wird Asche in der achten Woche Platz 6, dahinter Clara Lösel (7), Dana Vowinckel (8) und Klüpfel/Kobr (9). Weitere Neueinsteiger sind Bonnie Garmus mit Peck & Peck (10), Stephen King und Peter Straub (12) sowie Max Moor (18). Im Taschenbuch macht sich der Kinostart bemerkbar: Jenny Erpenbecks Heimsuchung klettert eine Woche nach dem Start von Volker Schlöndorffs Verfilmung von Platz 11 auf Platz 3 der Taschenbuchliste.
Mit dem Verkaufserfolg hält die Kritik nicht Schritt. Gerrit Bartels, der im Sommer noch geschrieben hatte, an diesem Buch komme im Herbst niemand vorbei, fällt im Tagesspiegel (19. Oktober) ein ernüchtertes Urteil: Zeh habe zwar Ideen und ein Anliegen, sei aber alles andere als eine gute Stilistin; das Erzähltempo sei niedrig, die Szenen ein einziges Dickicht, als Thriller und Unterhaltungsroman funktioniere das Buch nur leidlich. Julian Sadeghi nennt es in der taz (22. Oktober) einen gewöhnlichen Roman: gut lesbare, nicht sperrige Sätze, stellenweise zäh, der Verteidiger als Erzähler oft nervig, und zu den großen Themen Medien, Feminismus und Justiz habe Zeh dem anderswo Gesagten nichts Neues hinzuzufügen. Immerhin lerne man etwas über das Strafverfahren. Dass das Buch ein Bestseller werde, sei ohnehin sicher. Laut Perlentaucher sah Cathrin Kahlweit in der Süddeutschen Zeitung (15. Oktober) eine Konstruktion wie aus der Drehbuchwerkstatt mit stereotypen Figuren, aber auch klugen Passagen; Judith von Sternburg (Frankfurter Rundschau, 14. Oktober) fand die Themen sehr vertraut und den Roman spröde, aber bestsellertauglich. Freundlicher waren in der ersten Woche radio3 und SRF gewesen.
Zeh selbst ist unterdessen unterwegs. Am 26. Oktober gastiert die Bühnenfassung von Pony Show in der Berliner Philharmonie (20 Uhr), wieder mit dem Elektropop-Duo WEZN und dem SALO Streichquartett, moderiert von Jo Schück; am 3. November folgt der Kulturpalast Dresden mit dem Live-Podcast von Hotel Matze, am 8. November das Gewandhaus Leipzig, am 26. März 2027 das Volkshaus Zürich. Weniger gut läuft es für Lena Stahls Verfilmung von Corpus Delicti: Nach rund 63.800 Besuchern in zwei Wochen war der Film am dritten Wochenende (15. bis 18. Oktober) laut insidekino nicht mehr in den Top 20 der Kinocharts, deren Platz 20 bei 16.487 Besuchern lag.
Für Zeh ist die Spitzenposition kein Neuland. Unterleuten hielt sich nach dem Erscheinen 2016 länger als ein Jahr in der Spiegel-Liste, auch Über Menschen (2021) und der Briefroman Zwischen Welten (2023, mit Simon Urban) waren Bestseller. Dass ihre Leserschaft ihr nun auch in den Gerichtssaal folgt, obwohl die Feuilletons das Buch eher kühl aufnehmen, bestätigt ein Muster, das Zeh seit Jahren begleitet: Die Verkaufszahlen und die Kritik gehen bei ihr selten in dieselbe Richtung. Wie lange sich Pony Show oben hält, wird spätestens dann interessant, wenn Sebastian Fitzeks Der Nachtzug (erschienen am 21. Oktober) in die nächste Liste kommt.
Quellen: bestsellerliste.de, bestsellerliste.de (Taschenbuch), nordbayern.de, schoenerlesen.de, tagesspiegel.de, taz.de, perlentaucher.de, penguin.de, insidekino.com
