'Heimsuchung' läuft im Kino: Schlöndorffs Erpenbeck-Verfilmung ist preisgekrönt und spaltet die Kritik
Seit Donnerstag, dem 15. Oktober 2026, läuft Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte bundesweit im Kino. Volker Schlöndorff hat den Roman von Jenny Erpenbeck aus dem Jahr 2008 verfilmt, Drehbuch und Regie stammen von ihm, der Verleih ist Studiocanal, der Film ist 118 Minuten lang und ab 12 Jahren freigegeben. Vor der Kamera stehen Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte und Maria Matschke, gedreht wurde 2025 in Brandenburg und im Studio Babelsberg. Es ist Schlöndorffs erster Kinofilm seit 2017, die Weltpremiere hatte er im Mai in der Reihe Cannes Première.
Wenige Tage vor dem Start, am Abend des 9. Oktober, erhielt der Film auf der Frankfurter Buchmesse den Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Literaturverfilmung. Messedirektor Juergen Boos nannte ihn laut dpa ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Literaturadaption, die der Vorlage treu bleibe und Bilder für das finde, was zwischen den Zeilen stehe. Erpenbeck und Schlöndorff traten gemeinsam in Frankfurt auf. Der Regisseur beschrieb das Verfilmen von Literatur dabei als eine Art Vampirismus, man sauge das Blut aus dem Schriftsteller heraus; Erpenbeck widersprach freundlich, Schlöndorff sei unglaublich respektvoll, vorsichtig und behutsam mit ihr umgegangen, sie habe bei der Besetzung mitreden dürfen: Etwas Besseres könne man sich als Autorin nicht wünschen.
Die Deutschlandpremiere hatte der Film am 6. Oktober im Kino International in Berlin gefeiert, mit Schlöndorff, Produzentin Regina Ziegler, Erpenbeck und großen Teilen des Ensembles; unter den Gästen war laut leadersnet.de auch Sebastian Fitzek. Es folgte eine Premierentour durch Berlin, Leipzig, Frankfurt, München und Potsdam, bei der Erpenbeck mehrfach selbst dabei war.
Die Kritik ist uneins wie selten. Andreas Kilb attestiert Schlöndorff in der FAZ zwar das Handwerk des Glättens, sieht aber nur belanglose Postkartenbilder und meint, der Regisseur sei bei eigenen Stoffen besser aufgehoben als bei Romanadaptionen. Kamil Moll schreibt im Filmdienst, Schlöndorff habe übereifrig nicht nur ein literarisches Werk, sondern zugleich dessen Lektürehilfe verfilmt und bevormunde das Publikum. Bert Rebhandl (tip Berlin) hält den Film trotz Staraufgebots für nur mäßig gelungen; im Kapitel über die Schoah falle er weit hinter das Buch zurück, auch wenn Schlöndorff viele Peinlichkeiten des deutschen Geschichtskinos vermeide.
Anders Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung: Schlöndorff sei seinen Vorbildern aus der Nouvelle Vague so nah wie lange nicht, die vergehende Zeit sei in kleinsten Details eingefangen. Barbara Schweizerhof vergibt in epd Film drei Sterne und lobt eine dem Geist des Romans sehr treue, straff erzählte Adaption, in der die Episode der jüdischen Familie um Ulrich Matthes besonders eindringlich gerate; den Preis der Straffung zahlten die Figuren, die wenig Raum bekämen. Martin Schwickert (Tagesspiegel) spricht von einer vollkommen soliden Literaturverfilmung, der man mehr Mut zum Eigensinn gewünscht hätte. Christoph Petersen gibt bei Filmstarts 3 von 5 Sternen: Schlöndorff fahre die nicht immer leicht verdauliche Sprachgewalt der Vorlage auf ein weit weniger komplexes Niveau zurück, was vor allem Abiturienten freuen dürfte. Bei kino-zeit.de stehen sich gleich zwei Urteile gegenüber: Andreas Köhnemann nennt den Film auf mehreren Ebenen beeindruckend und entdeckt in Maria Matschke eine Entdeckung, Katrin Doerksen fühlt sich an ein pflichtschuldiges Einser-Referat erinnert, das die deutschen Traumata abhakt.
Der Roman, der all dem zugrunde liegt, erzählt die Geschichte eines Hauses an einem märkischen See durch das 20. Jahrhundert: der Architekt, der es baut, die jüdische Familie, der das Nachbargrundstück genommen wird, die Rote Armee, die DDR-Jahre, die Rückübertragung nach der Wende und ein Gärtner, der alles überdauert. Die Taschenbuchausgabe erscheint bei Penguin (192 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-328-10251-9). Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, erhielt 2024 für Kairos als erste deutsche Autorin den International Booker Prize; Heimsuchung gilt neben Gehen, ging, gegangen als ihr meistgelesenes Buch. Wie viele Zuschauer der Film zum Start erreicht, zeigen die Kinocharts in der kommenden Woche.
Quellen: tagesspiegel.de (dpa), leadersnet.de, perlentaucher.de, epd-film.de, tagesspiegel.de, tip-berlin.de, filmstarts.de, kino-zeit.de, penguin.de
