'Pony Show' ist da: Juli Zehs Justizthriller erscheint bei Luchterhand, die Kritik ist geteilt
Seit dem 14. Oktober 2026 liegt Pony Show in den Buchhandlungen, der neue Roman von Juli Zeh. Das Buch ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen, hat 512 Seiten und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro (ISBN 978-3-630-87865-2), das E-Book 23,99 Euro (ISBN 978-3-641-35100-7). Das Hörbuch im Hörverlag gibt es als Download für 24,95 Euro (ISBN 978-3-8445-5705-3), die MP3-CD folgt laut Verlag in Kürze; gelesen wird es von David Schütter, nach Händlerangaben ungekürzt und gut 19 Stunden lang. Es ist Zehs erster eigener Roman seit Über Menschen (2021) und ihr erster Justizthriller, der vor Gericht spielt. Im Juli hatte sie ihn für den Herbst angekündigt.
Im Mittelpunkt steht Bethany Hell, genannt Betty, über fünfzig, verheiratet und Chefin eines großen Hamburger Literaturverlags. Fero, Ende zwanzig und ihr aufstrebender Mitarbeiter im Lektorat, gilt als ihr Liebhaber. Als er verschwindet und Betty an der ungarischen Grenze mit einer Pistole und Falschgeld aufgegriffen wird, scheint der Fall klar. Der Prozess vor dem Hamburger Schwurgericht wird zum Medienspektakel und spaltet die Öffentlichkeit. Erzählt wird aus der Sicht des Verteidigers Mark Steinert, für den es der wichtigste Auftrag seiner Karriere ist und der bald merkt, dass er sich auf nichts verlassen kann, nicht einmal auf sich selbst. Dazu kommen Satire auf den Literaturbetrieb, Boulevardmedien, Geschlechterrollen und die Frage, was vor Gericht eigentlich als Wahrheit gilt.
Die Buchpremiere fand am 11. Oktober im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg statt, im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals und laut Veranstalter ausverkauft; der Saal fasst rund 2.100 Plätze. Gezeigt wurde eine inszenierte Bühnenfassung des Romans (Regie Linda Belinda Podszus) mit Lesung, dem Elektropop-Duo WEZN (Maischa Perdelwitz, Paul Richter) und dem SALO Streichquartett, anschließend sprach Zeh über die Entstehung des Buches. Die Karten kosteten zwischen 34,95 und 54,95 Euro.
Die ersten Kritiken fallen gemischt aus. Nadine Kreuzahler nennt den Roman bei radio3 (rbb) in seinen besten Momenten einen echten Page Turner mit vielen überraschenden Wendungen, dessen Cliffhanger Spannung wie in einer gut gemachten Serie erzeugten; allerdings gerate Zeh öfter ins Dozieren über Strafjustiz, Medien und Algorithmen und buchstabiere vieles aus, statt die Szenen für sich sprechen zu lassen. Katja Schönherr (SRF Kultur) findet das Buch so packend, dass man es kaum weglegen könne, einen Justizkrimi mit psychothrillerhaften Zügen, der mit immer neuen Wendungen überrasche, gezeichnet allerdings nicht mit zarten Pinselstrichen. Andreas Rabenstein (dpa) lobt, mit welch spöttischer Freude Zeh die juristischen Abläufe schildert, hält die Wendungen im Prozess aber an der einen oder anderen Stelle für recht konstruiert und wenig plausibel, ähnlich wie manche Cliffhanger in Serien. Gerrit Bartels hatte im Tagesspiegel schon im Juli geschrieben, an diesem Buch dürfte im Herbst niemand vorbeikommen.
Zeh selbst sagte der dpa, sie habe schon lange den Wunsch gehabt, einen Justizthriller zu schreiben, der vor Gericht spielt; am Anfang wisse sie noch nicht, wie die Geschichte ausgehe. Im Stern-Interview Anfang Oktober sprach sie über das Altersgefälle ihrer Figuren und darüber, dass Frauen die Freiheitsliebe viel weniger zugestanden werde als Männern, erst recht in der Lebensmitte. Seit 2018 ist Zeh Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg, die Justiz kennt sie also auch von innen.
Die Lesereise führt am 26. Oktober in die Berliner Philharmonie (Großer Saal, 20 Uhr, wieder mit WEZN und SALO), am 3. November in den Kulturpalast Dresden, wo Zeh zu Gast beim Live-Podcast von Hotel Matze ist, und am 8. November ins Gewandhaus Leipzig. Parallel läuft seit dem 1. Oktober Lena Stahls Verfilmung von Corpus Delicti im Kino; nach zwei Wochen zählte der Film laut insidekino-Auswertung von citybeat.de rund 63.800 Besucher.
Mit Pony Show kehrt Zeh zu dem Stoff zurück, der schon ihr Debüt Adler und Engel (2001) und Corpus Delicti (2009) prägte: die Frage, was Recht und Verfahren mit den Menschen machen, die in sie geraten. Nach den Gesellschaftsromanen Unterleuten (2016) und Über Menschen (2021), dem Briefroman Zwischen Welten (2023, mit Simon Urban) und dem Theaterband Good Morning, Boys and Girls (2025) ist es ihr Versuch, das Genre des Gerichtsthrillers mit dem zu verbinden, was sie seit jeher antreibt. Ob das aufgeht, darüber sind sich die Kritiker in der ersten Woche uneins; dass das Buch gelesen wird, steht nach der ausverkauften Premiere kaum in Frage.
Quellen: penguin.de, elbphilharmonie.de, harbourfront-hamburg.com, radiodrei.de, srf.ch, gn-online.de (dpa), tagesspiegel.de (dpa), citybeat.de
