Shida Bazyar erhält den Deutschen Buchpreis 2026 für 'Die Lücken'
Der Deutsche Buchpreis 2026 geht an Shida Bazyar. Die 1988 in Hermeskeil geborene Autorin wurde am Abend des 5. Oktober 2026 im Kaisersaal des Frankfurter Römers für ihren Roman Die Lücken (Kiepenheuer & Witsch) ausgezeichnet, wie jedes Jahr am Vorabend der Frankfurter Buchmesse. Das Buch ist am 3. September 2026 erschienen, hat 512 Seiten und kostet 25 Euro (ISBN 978-3-462-00501-1), das E-Book 19,99 Euro.
Die Jury nennt Die Lücken in ihrer Begründung einen Roman gegen Gleichgültigkeit. Bazyar zeige anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalentes deutsches Leben: Nachbarn, die zusehen, wie jüdische Menschen verschwinden, und Nachbarn, die später darüber entscheiden, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen dürfen. Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur erzeugten zugleich Nähe und Distanz; die Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen gebe dem Text einen starken Nachhall. Jurymitglied Maha El Hissy sagte laut Goethe-Institut, Bazyar habe den Heimatroman neu definiert. Der Jury unter Sprecherin Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) gehörten außerdem Theresa Donner, Jan Ehlert, Emily Grunert, Stefanie Kreuzer und Adam Soboczynski an.
Schauplatz des Romans ist das fiktive Hunsrückdorf Heimesbach, dem Bazyars Heimatort Hermeskeil als Vorbild diente. In Gebäuden und Lebensläufen des Dorfes haben sich rund neun Jahrzehnte deutscher Geschichte abgelagert: jüdische Familien, die in den 1930er Jahren ausgegrenzt, deportiert und ermordet wurden, Profiteure des NS-Regimes, die sich später als harmlose Mitläufer ausgaben, und die Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran fliehen und in Heimesbach ankommen. Bazyars Eltern waren selbst ein Jahr vor ihrer Geburt aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Die Lücken ist nach Nachts ist es leise in Teheran und Drei Kameradinnen ihr dritter Roman; laut Verlag erhält sie dafür in diesem Jahr auch den Wilhelm Raabe-Literaturpreis, mit dem 2024 Saša Stanišić ausgezeichnet worden war.
In ihrer Dankesrede sprach Bazyar nach Angaben der hessenschau von einem Höchststand antisemitischer und rassistischer Straftaten und davon, dass keine Minderheit in Deutschland in Angst leben dürfe; den Remigrationsforderungen der AfD müsse man sich entgegenstellen. Sie zitierte Hannah Arendt mit dem Satz, das Problem ab 1933 sei nicht gewesen, was die Feinde getan hätten, sondern was die Freunde getan hätten.
Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert, die fünf weiteren Finalistinnen und Finalisten erhalten je 2.500 Euro: Franziska Gänsler (Orca, Kein & Aber), Valeria Gordeev (Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, S. Fischer), Elias Hirschl (Schleifen, Zsolnay), Peggy Mädler (Selbstregulierung des Herzens, Galiani Berlin) und Dana Vowinckel (Anton und Alma, Suhrkamp). Die Jury hatte 205 Romane gesichtet, die zwischen Oktober 2025 und September 2026 erschienen sind, daraus am 11. August die Longlist mit 20 Titeln und am 8. September die sechs Finalisten ausgewählt. Im Vorjahr war Dorothee Elmiger für Die Holländerinnen ausgezeichnet worden.
Der Preis wirkt bereits im Handel: In der Spiegel-Bestsellerliste Belletristik Hardcover vom 8. Oktober (Ausgabe 41) steht Die Lücken in der vierten Listenwoche auf Platz 5, nach Platz 9 in der Vorwoche; Vowinckels Anton und Alma kletterte von 8 auf 4. Angeführt wird die Liste von Charlotte Links Neueinsteiger Kalte Tage, dahinter Dörte Hansens Broder auf Platz 2 und Nele Neuhaus mit Alles wird Asche auf Platz 3. Die Frankfurter Buchmesse läuft noch bis zum 11. Oktober, Ehrengast ist in diesem Jahr Tschechien.
Quellen: deutscher-buchpreis.de, Pressemitteilung (PDF), hessenschau.de, goethe.de, kiwi-verlag.de, schoenerlesen.de
